07_08_Hertlin_SaeedDie Verzweiflung von Flüchtlinge ohne ihre Familien in Wöschbach

Immer wieder muss der Syrer S. seine Tränen unterdrücken, wenn er an seine drei Kinder und seine Frau in Damaskus denkt. S. ist 53 Jahre alt und sitzt an einem kleinen Tisch im 16 Quadratmeter großen Schlafzimmer einer Wohnung im Hinternaus in Wöschbach. Die Wohnung ist von der Gemeinde Pfinztal angemietet worden für die sogenannte „Anschlussunterbringung“ von Flüchtlingen, deren Asylantrag positiv entschieden wurde.

S. teilt dieses Schlafzimmer mit 3 anderen Flüchtlingen, d. h. mehr Platz als für ein Stockbett, einen schmalen Schrank, einen Gang und eben diesen gemeinsamen Tisch gibt es für ihn und die drei anderen in diesem Raum nicht. Insgesamt 8 Flüchtlinge wohnen in der Wohnung. Zusammen haben sie noch eine kleine Küche, ein Bad, ein halbes Wohnzimmer und Zugang zu einem schmalen Garten. Alle hatten zuvor in verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften im Landkreis Karlsruhe eine vorläufige Bleibe gefunden, alle sind Männer ohne Familien in Deutschland.

Papiere, Anträge, Bescheide

Ingolf Hertlin von der Flüchtlingshilfe Pfinztal ist vorbeigekommen, 07_08_Flüchtlingswohnungum sich nach dem Bedarf der Neuankömmlinge zu erkundigen. Wieviel Hilfe beim Umgang mit Ämtern und mit der Gemeinde benötigen sie, was ist in den Wohnungen noch herzurichten, wo besteht Handlungsbedarf, damit die Flüchtlinge hier einigermaßen stressfrei miteinander leben können.

Vor S. auf dem Tisch häuft sich ein Berg von Papieren, Anträgen, Bescheiden, Bescheinigungen. Er muß sich immer wieder zwingen, sich damit zu befassen, denn in seinem Kopf hat er vor allem einen Gedanken: seine Familie. Ingolf Hertlin versucht ihm klarzumachen, dass das Nächste für ihn im Moment noch nicht das Wiedersehen mit seiner Familie sein kann, sondern zunächst die Klärung seines Lebensunterhalts und der Abschluss seines Asylverfahrens in Deutschland. Das gehe alles nur nacheinander, Schritt für Schritt.

Schritte der Integration

So ist für S. der nächste Schritt der Termin beim Jobcenter und die Abgabe 07_08_Gemeinschaftsschlafzimmerdes „Hauptantrags auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ (SGB II). Dazu benötigt S. u.a. die vor ihm liegende Meldebescheinigung der Gemeinde Pfinztal und die Mietbescheinigung für die Wohnung in Wöschbach, schließlich sollen ja die Mietkosten vom Jobcenter übernommen werden.

Wichtige Voraussetzung für die Familienzusammenführung ist der Antrag des Aufenthaltstitels bei der Ausländerbehörde . Er erhält eine Aufenthaltserlaubnis für maximal 3 Jahre und einen entsprechenden Ausweis.

 

Antrag auf Familienzusammenführung

Innerhalb von 3 Monaten nach Erhalt der Anerkennung als Flüchtling ist es möglich, einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Das hat S. bereits gemacht. Bis er seine07_08_Frau_Kinder_Saeed Familie tatsächlich wiedersieht, wird es trotzdem noch Monate dauern. Gerade hat er einen Termin bekommen, wann seine Frau und seine Kinder bei der deutschen Botschaft vorsprechen können, um Visa zu beantragen: September 2017!!!!! Ob S. dieses ständige Warten durchhält? Er muss die deutsche Sprache lernen, nicht mehr so einfach in seinem Alter. S. ist von Beruf Ingenieur, seine Frau Englisch-Professorin. Sie hatten ein gutes Leben in Damaskus, d. h. S. ist alles andere als ein „Wirtschaftsflüchtling“. In Damaskus wohnte er in einem großen Haus, gehörte zur oberen Mittelschicht. Jetzt wohnt er in Wöschbach in engen und ärmlichen Verhältnissen und ist mit dem Herzen doch ständig in Damaskus bei seiner Familie. Wie soll er sich da auf all die Aufgaben in Deutschland, die Formalitäten, die Sprachkurse, die Suche nach Arbeit konzentrieren? Der Ramadan, der gerade zu Ende ging, hat alles noch schlimmer gemacht, denn er ist ein großes Familienfest, ähnlich wie bei uns die Weinachtszeit. Erstmals hat er den Ramadan nicht mit seiner Frau und seinen Kindern verbracht, sondern mit einer Unmenge von Papieren, Anträgen und Bescheinigungen in einer Sprache, die ihm äußerst fremd ist.

Wenigstens kann ihm Ingolf Hertlin anbieten, dass ihn und die anderen ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe Pfinztal zum Jobcenter begleitet, um sie bei auftretenden Problemen zu unterstützen. S. ist dankbar dafür, aber das ist trotzdem nur ein schwacher Trost. Beim Abschied von Ingolf Hertlin fleht er mit brüchiger aber umso mehr um Deutlichkeit ringender Stimme: „Bitte, bitte, I want my baby, please“.

Bitte, I want my baby, please

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